Das neue Verfahren ist der „Leichtigkeit des öffentlichen Verkehrs“ – etwas Entsprechendes ist gesetzliches Ziel für den Autoverkehr – stark abträglich und ist für die Praxis lebensfremd.
Vor allem ist es der Schillsche Sicherheits- und Kontrollwahn, der sich hier (wieder) durchbrach. Dem liegt eine Ideologie zugrunde, nämlich: Nur wer arm ist, hat kein Auto und muss ÖPNV fahren. Und wer arm ist, betrügt und erschleicht Leistungen. Das wissen wir von Hartz 4: Missbrauch ohne Ende - so heißt es jedenfalls. (Im Gegenzug wird Autofahrenden die Unschuldsvermutung natürlich nicht entzogen: sie müssen nicht für jede Fahrt eine Berechtigung vorweisen.)
Es ginge um die Einnahmen, so wird gesagt (öffentlicher Nahverkehr wird üblicherweise zu etwa 2/3 staatlich bezuschusst). Allerdings wird nicht der Weg vermehrter Steuerprüfungen gewählt – die würden ein Vielfaches ihrer Personalkosten einspielen – nein, hier wird unter völligem Verlassen einer Verhältnismäßigkeit die Gesamtheit der ÖPNV-Nutzer_innen drangsaliert, um vereinzelte Personen, die es vorher nicht getan hätten, zur Zahlung von 1,40 € zu veranlassen (oder ein fahrscheinähnliches Stück Papier zu zeigen). Dazu wird dann auch noch mit uniformierten Kräften, die unter körperlichem Einsatz die Fahrgäste an den Haltestellen in „Problemgebieten“ disziplinieren, ein gewaltvolles Szenario aufgemacht.
Nicht zu vergessen ist die Rolle der derzeitigen Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik, die dazu beiträgt, dass innenstädtisch und zentral nur noch wohnen kann, wer´s sich leisten kann. Das bessere Gehalt ermöglicht die Zentralität und diese erspart dann auch das Angewiesensein auf den HVV für städtische Aktivitäten. Wer zu wenig Geld hat, muss an die Ränder der Stadt und ist dann entweder dort vom Rest isoliert, oder muss sich sportlich dem Fahrradfahren zuwenden, oder eben für den öffentlichen Nahverkehr zahlen. Durch die ständig steigenden HVV-Preise wird Armut neben steigenden Mieten mitsamt Nebenkosten und sinkenden Löhnen noch deutlicher spürbar.
Wir finden, es muss allen Menschen möglich sein, ihr Mobilitätsbedürfnis ungehindert und umweltfreundlich zu erfüllen. Entspannte und einladende Verhältnisse beim öffentlichen Verkehr wären dazu angemessen. Einige mögen ja finden, dass gelegentliche, die Reisezeit nicht verlängernde Kontrollen akzeptabel wären. Dauermisstrauen gegen vermeintliche Randgruppen, Erniedrigungen durch im Regen vor der Tür schlangestehen und Anschlüsse verpassen sind es jedenfalls nicht.
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|

Kommentar hinzufügen