Einige Gedanken zu Dockville – jenseits der allgemeinen Begeisterung
Der 1. Teil weist auf Umwelt- und Naturschutzaspekte hin.
Der 2. Teil behandelt den (Positiv)Lärm.
Der 3. Teil widmet sich der Kinderarbeit.
Unter Nummer 4 dann noch ein Hinweis auf Parallelen zur Loveparade
1.
Umwelt und Natur dürfen Aufwertung nicht stören
Warum gibt es das Dockville-Gelände eigentlich?
Also, warum ist mitten im so flächenhungrigen Hamburger Hafen, am Reiherstiegknie – historisch Riusort – so eine schöne Freifläche?
Weil es eine Altlast ist.
Und zwar eine so große, dass der begierige Hafen bislang die Finger davon ließ. Im 2. Weltkrieg wurden hier Raffinerien zerbombt. Später wurde Sand darübergeschüttet. Die Bildzeitung(!) berichtete vor Jahren über Dioxin. Jetzt buddeln Kinder darin, es wird gezeltet und gefeiert. Nichtwissen hilft beim Spaßhaben.
Und was ist da, wenn kein Festival stattfindet?
Trotz der Belastung existieren auf dem Areal gesetzlich geschützte Biotope. Es gibt nämlich nach geltender Rechtslage sozusagen automatische Naturschutzgebiete.
Weil das Ausweisen von herkömmlichen Naturschutzgebieten ein langwieriger Prozess ist und die schützenswerten Lebewesen vielleicht schon vernichtet sind, bis endlich rechtswirksamer Schutz erreicht ist, hat das Naturschutzgesetz eine Echtzeitlösung parat: die gesetzlich geschützen Biotope, die allein aufgrund ihrer Existenz geschützt sind, also nicht vernichtet werden dürfen. Dazu gehören z.B. naturnahe Gewässer, Röhrichte oder Trockenrasen. Über Ausnahmen entscheidet die zuständige Naturschutzbehörde, hier das Naturschutzabteilung der BSU. Womit schon ein Problem auftaucht: Die Umweltbehörde wurde von der Baubehörde einverleibt, das ehemalige Naturschutz-Amt zur Abteilung degradiert. Die jetzige Superbehörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) ist übrigens auch damit beschäftigt, den Bau zweier neuer Autobahnen im Stadtteil durchzusetzen und vor allem den „Sprung über die Elbe“ zu managen, für den sie sich als eigene, privatisierte Ausgründung die IBA-GmbH hält. Diese GmbH hat in der Vergangeheit Dockville gefördert, denn dieses Großevent ist gut für die Aufwertungspolitik, mit der Wilhelmsburg überzogen wird. Dockville erzeugt die gewünschten Positiv-Images. Da muss der Naturschutz mal ein wenig zurückstehen. Und tatsächlich: die gesetzlich geschützen Schilfröhrichte binnendeichs (da wo gezeltet wird), sind bis auf die Erdschürfe abgemäht, die geschützten Trockenrasenbereiche außendeichs (die eigentliche Veranstaltungsfläche) sind zerfahren oder es sind Zelte und Bühnen draufgebaut. Es wird leider mal wieder kein Personal zur Überwachung der Auflagen zur Verfügung gestanden haben, schließlich ist auch in der Behörde neben Personalmangel auch noch Urlaubszeit, und Wochenendüberstunden sind natürlich gar nicht drin. Im Ernst ist natürlich nicht zu erwarten, dass ein kleine Abteilung innerhalb der BSU durch besonders gesetzestreues Verhalten die Umsetzung der Behördenleitungs-Politikziele erschwert...
Bei all dem hat Dockville ein gutes Gewissen: Sie wissen, dass die Biotope da ja sowieso alle wegkommen, weil entsprechende Planungen bestehen.
Allerdings macht es schon einen Unterschied, ob die geschützten Biotope jetzt gleich schon schnell aus Versehen beseitigt werden oder ob sie noch vorhanden sind, wenn Port Authority, die BSU oder ein Investor dort umstrukturieren. Denn nur existente geschützte Biotope sind geschützt und müssen bei (genehmigter) Beseitigung ausgeglichen werden. Was weg ist, ist weg. Von einem fliegenden Eventhändler wird man keinen Ersatz für die Biotope fordern können, schließlich ist die Veranstaltung ja genehmigt gewesen (wenn auch vielleicht im Detail etwas anders). Wenn aber später die Fläche dauerhaft bebaut wird, wird es billiger: Der Investor muss keinen Ausgleich für die geschützten Biotope mehr zahlen, sie sind ja verschwunden.
Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Vernichtung der Trockenrasen-Flächen nördlich des Reiherstiegknies, südlich/bei der Neuhöfer Str., die vor etwa 1 Jahr von einer örtlichen Spedition bebaut wurden (da wo es bis vor kurzem auch einen Strandzugang gab), hat die Firma einen hohen 6-stelligen Betrag für den Ausgleich gekostet. Sie hat es ungeschickterweise versäumt, die Fläche zuvor dem Eventwesen zu unterwerfen.
Dockville dabei als nützliche Idioten zu bezeichnen – das mögen sie gar nicht – wäre nicht ganz korrekt: Bei Idioten wäre davon auszugehen, dass sie nicht wissen, was sie tun.
2.
Lärm
In Wilhelmsburg ist es zu laut zum Wohnen. Eine naheliegende Lösung für das Problem wäre eine Reduktion des Lärms. Die EU-Umgebungslärmrichtlinie schreibt zudem Lärmminderung vor.
Dummerweise ist genau das nicht ernsthaftes Politikziel in Hamburg (zuständig: unsere Aufwertungsbehörde BSU). Die stadtweite Lärmminderungsplanung nach EU-Richtlinie wurde durch Umherschieben der Zuständigkeit an die Wand gefahren. Und auch die IBA-GmbH hat nicht den Auftrag, die Lärmbelastung des Stadtteils zu reduzieren. Es sollen im Gegenteil neue, kreative Lösungen gefunden werden. Dazu gehört das Überdecken des störenden Lärms mit Positivlärm. Wer mit Partylärm zugedröhnt wird, wird sich an scheppernden Container-Lkws in den Wohnstraßen oder an den diversen beulenkloppenden Containerreparaturbetrieben kaum noch stören. Oder anders ausgedrückt: Wilhelmsburg ist Opfergebiet für den Lärm. Da es eh zu laut ist, kann alles andere, was Krach macht, auch noch hierher.
Immerhin hat die Bezirksverwaltung nach zahllosen AnwohnerInnenprotesten ein Lärmregularium entwickelt, worin festgelegt ist, wie oft im Jahr es bei Großevents bis wann wie laut sein darf. Im Prinzip eine gute Idee, besonders wegen der allgemeinen Gültigkeit und der Transparenz der Regelung. Gleich der 1. Anwendungsfall im letzten Jahr wäre Dockville gewesen. Die Veranstalter waren aber nicht bereit, die Lärmbegrenzung zum Schutz der Bevölkerung zu akzeptieren und behaupteten, die ganze Veranstaltung absagen zu müssen, wenn sie zur Einhaltung der Regelung gezwungen werden sollten. Wegen der hohen Bedeutung von Dockville für das Aufwertungsgeschehen und das Gelingen der IBA beschloss die Politik dann eilig Sonderlärmrechte für Dockville. Auch in diesem Jahr muss das Festival wieder wenig Rücksicht nehmen, CDU/GAL/SPD wollten sogar nochmals längere nächtliche Lärmzeiten gegenüber dem Vorjahr durchsetzen, was aber von der Bezirksverwaltung als rechtswidrig(!) zurückgewiesen wurde.
Wer sich mehr für Lärm generell interessiert: errechnete Lärmkarten sind unter www.laerm.hamburg.de zu finden. Besonderer Tipp: Die Industrielärm (Nacht)-Karte ankucken, nach Wilhelmsburg reinzoomen und dabei wissen, dass es in reinen Wohngebieten nachts nur max. 30 dB(A) haben darf (in der Karte werden aber erst Werte ab 45 dB(A) dargestellt – und trotzdem ist die Insel schon sehr bunt).
3.
Kinderarbeit...
...ist in unserem Lande verboten.
Ladenketten bekommen Imageprobleme, wenn herauskommt, dass ihre Billigwaren von Kinderhänden produziert wurden; eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit ist gegenüber der Thematik vorhanden.
Wer allerdings auf der Leuphana (privatisierte Uni Lüneburg) gelernt hat, weiß nicht nur wie man anderen Kosten erspart (Biotopbeseitigung...), nein, man weiß sich auch selbst Vorteile zu verschaffen:
Zum Beispiel durch Kinderarbeit!
Es muss nur ein besonders kreativer Umgang damit gefunden werden.
Denn wenn angeboten wird, dass Eltern für ihrer Kinder Arbeit nichts bezahlen müssen, wird aus der Kinderarbeit plötzlich ein herausragendes soziales Engagement. Niemand merkts; alle sind dankbar für so viel Altruismus. Die Kinder sind in den Ferien sinnvoll entsorgt und bauen kostenlos die Staffagen fürs Festival. Und wenn auch noch etwas angeboten wird, das für die VeranstalterInnen nicht direkt verwertbar ist, damit das Ganze nicht so fadenscheinig wird, so ist es doch wenigstens geschickte frühzeitige Kundenbindung.
Dockville versucht das in diesem Jahr kaum zu verstecken: „Kunst, Musik, Kultur – all diese Säulen des Festivals führen wir jährlich im Rahmen der Kinderferienfreizeit LÜTTVILLE auf einer
soziokulturellen Ebene zusammen und bieten über 120 Kindern aus dem Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg kostenfrei an, an dem Entstehungsprozess des Festivals teilzuhaben; so auch in deisem Jahr vom 2. bis zum 7. August. Gemeinsam mit Wilhelmsburger Bildungseinrichtungen, wie etwa dem Bauspielplatz Galgenbrack, dem Haus der Jugend Kirchdorf Süd, dem Zirkus Willibald, dem Spielmobil Falkenflitzer und vielen anderen werden unterschiedliche Kreativworkshops angeboten,
an denen die Kinder Werke für das Dockville Festival erschaffen“... (zit. nach http://wohininhamburg.wordpress.com)
Bei den genannten Einrichtungen bleibt zu hoffen, dass sie die verordnete Geldnot und die daraus resultierenden mangelnden eigenen Angebote zum mitspielen antreibt und nicht die eigene Überzeugung.
4.
Ein Vergleich mit den Geschehnissen bei der Loveparade
Zumindest 2 Parallelen zu Duisburg gibt es bei Dockville:
Zum einen gibt es Veranstalter, die die Verwaltung unter Druck setzen, um eine maximale Genehmigung ohne lästige Auflagen zu erreichen.
Diese stoßen dann zum anderen auf Politik und tlw. Verwaltung, die für das globale Standortmarketing ihrer Metropole bedenkenlos alles zu genehmigen breit sind, solange es nur möglichst groß ist und positive Werbeimages erzeugt.
Dies ist allerdings eine Allianz, die für Beteiligte wie Unbeteiligte durchaus dramatische Folgen haben kann.
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Kommentare
einige Gedanken zum Dockville
Verfasst von Gast am 6. November 2010 - 21:24.Oh man...Leute wie ihr haben wohl echt nix besseres zu tun, oder...alleine schon das ganze mit der Loveparade zu vergleichen ist doch so was von weit her geholt...es ist überhaupt ein Wunder das so ein Festivall in Hamburg noch möglich ist....und das es solch ein Gelände in Hamburg noch gibt auf dem man so Feiern kann und den Ernst des Lebens mal hinter sich lassen kann...was ihr wohl auch mal öfter tun solltet und dann kommt ihr mit so nem Müll....echt nich. Das ist keine Discusion wert.